Die Kommunikationskapriolen des Kanzlers

Liebe Leserin, lieber Leser,
zumindest wird es mit ihm nicht langweilig.
Dass die Kommunikation der Spitzenpolitik oft in Phrasen und den immergleichen einstudierten Formulierungen ertrinkt, ist ein altes Klagelied. Dem Bundeskanzler ist insofern nicht vorzuwerfen, dass er zu oft ein Blatt vor den Mund nimmt – nur sorgt er damit auch regelmäßig für handfeste Irritationen. Nach seinen Aussagen zur Rente hat er nun mit seiner Analyse, dass Teheran die US-Regierung “demütige” (Originalzitat im Video) den US-Präsidenten zu Truppenabzug und Zollerhöhungen (mit)motiviert und mit seinem SPIEGEL-Interview (€) („Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen”) Vorwürfe von Anmaßung und Selbstmitleid auf den Plan gerufen. Auch wenn er mit einigen seiner Aussagen sogar richtig liegen mag, die Art und Weise der Kanzlerkommunikation zerbröselt zu viel Porzellan.
- Sei’s drum: Nachsicht für Merz auf Social Media fordert die taz.
- Seine Kommunikation sei “oft unsensibel” erläutert Johannes Hillje im RBB.
- Bei seinem gestrigen Auftritt bei Caren Miosga (Analyse und Video) wollte er es schon mal besser machen und hat sich und seine Kommunikationslinie erklärt.
Auch die SPD trägt zur Koalitionskakophonie bei: „So [wie Merz] kann man eigentlich kein Kanzleramt führen”, findet SPD-Fraktionschef Matthias Miersch und reagierte heute auch direkt mit Widerspruch auf des Kanzlers Aussagen im ARD-Talk.
Die kommunikativen Scharmützel bilden sich auch an den Zahlen zur einjährigen Bilanz von Schwarz-Rot ab, ein demoskopisches Armutszeugnis: 58 % glauben nicht, dass die Koalition bis 2029 halten wird und knapp drei Viertel der Befragten kritisierten die Arbeit der Regierenden, während nur 16 % mit dieser zufrieden sind. Das ist der schlechteste Wert aller Kanzler der jüngeren Vergangenheit nach dem ersten Regierungsjahr.
- Warum ist der Kanzler so unbeliebt? Nicole Diekmann über den Absturz des Kanzlers.
- Was wurde nach einem Jahr abgearbeitet? Die Süddeutsche zieht Regierungsbilanz.
- Table.Media diskutiert einen personellen Neustart als Weg aus der Krise.
-
Drei andere Tipps, um das Ruder noch herumzureißen (€), hat Christoph Hickmann.
- Der Tagesspiegel hat vier Szenarien der weiteren Selbstdemontage (€).
Die Lage beschäftigt Merz gar so sehr, dass er heute nicht nach Armenien zum achten Gipfeltreffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft reist. Dafür gibt es einen fühligen Moment der deutsch-französischen Freundschaft: Emmanuel Macron wurde mit dem deutschen Stimmrecht ausgestattet und vertritt den Kanzler. Mehr Einblicke in die Beziehung der beiden bietet ARTE mit der zweiteiligen Dokumentation “Hinter den Kulissen der Macht”.
Mit den besten Grüßen
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