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1. April 2026 5 Minuten

Die Causa Collien Fernandes und die Klarnamenpflicht

Die Causa von Collien Fernandes ist ein Lehrstück für neurechte Diskursverschiebung auf verschiedenen Ebenen und durch verschiedene Anlässe. Wir haben uns den X-Diskurs dazu mit über 57.998 Posts in den letzten 12 Tagen angeschaut. 

Erst der Kampagnenvorwurf, dann das Opfer

Am auffälligsten: Nach der ersten SPIEGEL-Veröffentlichung am 19. März war extrem schnell die Unterstellung einer Kampagne für eine sogenannte Klarnamenpflicht präsent. Diese soll durch Collien Fernandes, HateAid, das Justizministerium und wahlweise auch den ÖRR vorbereitet worden sein. Ein wichtiger Katalysator war hier ein Tweet von Don Alphonso, in dem er den Bezug zum Fall von Gina Lisa Lohfink und vermeintlicher Strafrechtsbeeinflussung herstellt. Die schon länger geplante ZDF-Ausstrahlung “Eine bessere Welt“ (Spielfilm und Doku mit HateAid-Nennung) am Abend des 20. März spielte hier perfekt mit rein. In der Frühphase war dieser Kampagnenvorwurf in Verbindung mit HateAid sogar präsenter als die Debatte um die Vorwürfe oder Collien Fernandes selbst.

HateAid und das BMJ lehnen die Klarnamenpflicht ab, Fernandes hat noch wenige Tage vor der Veröffentlichung eine „Identifikationspflicht“ gefordert.

 

Die Ereignisse im Fall Fernandes / Ulmen fallen zusammen mit den Kürzungen im „Demokratie Leben!“ Programm sowie dem Urteil des Landgerichts Hamburg zu zulässigen Bezeichnungen von HateAid („Grüne Vorfeldorganisation“ und „Linksextremistinnen“). 

Über den gesamten Zeitraum waren die häufigsten Quellen (ausgenommen Social Media Plattformen):

Hauptnarrative:

  • Abgekartete Kampagne zur Einführung der Klarnamenpflicht.
  • Ablenkung auf Migrationsthema und Gruppenvergewaltigungen („Bei Migrantengewalt schaut Ihr weg“ und „Lieber 20 digitale Vergewaltigungen als eine Gruppenvergewaltigung von Flüchtlingen“). 
  • Verharmlosung als „Rosenkrieg“, Unterstellungen von Männerhass, Geltungsdrang, Aufmerksamkeitssucht und natürlich der blanken Lüge.
  • Allgemeines Anti-NGO-Narrativ („Correctiv 2.0“ und das Revival der Potsdam-Verschwörung). 
  • Als-Unternarrativ: Nach den Kürzungen bei “Demokratie Leben!“, müssen nun andere Finanzierungsquellen „hercampaignt“ werden.
  • Der „Plagiatsjäger“ Dr. Stefan Weber hat schon vor dem Fall Fernandes Vorwürfe wegen vermeintlicher Plagiate gegen HateAid vorgebracht. Diese verfingen im Diskurs nicht.
  • Generell Einbettung in bekannte linksgrün-woke Verschwörungsmuster und Deep State Narrative.

Weitere Kontextquellen zum Thema sind:

Diese Betrachtung stellt keine inhaltliche oder juristische Bewertung der Vorwürfe dar, sondern ist eine Mixed-Methods-Diskursanalyse. Die analysierten Posts beinhalten neben den genannten Narrativen auch neutrale Berichterstattung, positive Statements und Solidaritätsbekundungen, jedoch zu weitaus geringerem Umfang.

Die Analyse wurde von Ralph Friedrich und Richard Schwenn erstellt. HateAid hat die Erstellung der Analyse durch punktuelle Datenanlieferungen und einen Finanzierungsanteil unterstützt.