Welcome to 1984

Liebe:r Leser:in,
willkommen in 2026 – oder sollten wir lieber sagen: 1984?
Denn so deutlich wie selten zuvor konnten wir in den ersten Wochen dieses Jahres die zentrale Devise der Orwellschen Dystopie beobachten: “The Party told you to reject the evidence of your eyes and ears. It was their final, most essential command”. Zitiert hat diesen Satz unter anderem Minnesotas Gouverneur Tim Walz, nachdem in Minneapolis ein Beamter der US-Einwanderungsbehörde ICE die 37-jährige Renee Nicole Good in ihrem Auto erschossen hat – und die US-Regierung trotz zahlreicher Videoaufnahmen des Vorfalls von Selbstverteidigung nach einem vermeintlichen Angriff der Frau sprach. Schon kurz danach wurde der Informationsraum von KI-Fakes von der Tat wie auch von Good selbst geflutet, die zusätzliche Verwirrung stifteten.
Ähnliche Schwierigkeiten, die Dinge beim Namen zu nennen, konnten wir nur wenige Tage zuvor im Kontext der US-Militäraktion in Venezuela beobachten, bei der scheinbar kollektiv Schwierigkeiten bestanden, das Vorgehen als völkerrechtswidrig einzuordnen. Gleichzeitig wurde die Berichterstattung über die “Festnahme” von Nicolás Maduro innerhalb kürzester Zeit von einer Welle irreführender und manipulierter Inhalte begleitet. Besonders präsent waren auch hier KI-generierte Bilder sowie alte oder aus dem Kontext gerissene Videoaufnahmen.
- Eine Übersicht kursierender Fakes zu den Aktivitäten in Venezuela hat die DW zusammengestellt.
- Einen Faktencheck zu den Begründungen Trumps für die Aktion gibt es bei der New York Times.
- Wie Russland und China den Diskurs in der US-Öffentlichkeit beeinflussen wollen, hat die Washington Post analysiert.
- Untersuchungen des DFRLab zeigen im Detail die Mobilisierung und Instrumentalisierung durch russische Desinformationsnetzwerke sowie das Vorgehen zahlreicher chinesischer Social Media-Accounts und -Bots.
Auch gegen Europa ging die US-Regierung vor, etwa durch die anhaltende Beanspruchung von Grönland oder das Einreiseverbot für die HateAid-Geschäftsführerinnen Josephine Ballon und Anna-Lena von Hodenberg und andere Europäer:innen. Auch hier gilt: Der Angriff auf Verteidiger:innen unserer Demokratie muss klar als solcher benannt werden. Das haben wir unter anderem in einem offenen Brief mit über 40 weiteren Organisationen klargemacht. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau hat sich Anna-Lena von Hodenberg nun zu den US-Sanktionen geäußert.
Für ein enormes Echo sorgten auch die Aussagen von Daniel Günther bei Markus Lanz. Dabei ging es um den Umgang mit alternativen Medien, die er als demokratiefeindlich bezeichnet hat. Günther selbst hat nun nochmal klargestellt, dass er sich auf ein Social-Media-Verbot bezog, nicht auf Zensur von Medien. Was er tatsächlich gesagt hat, können Sie sich hier selbst anschauen.
Für NIUS und Co. bleibt das natürlich trotzdem Wasser auf die Mühlen. Von einem inszenierten Krawall spricht deswegen auch Michael Hanfeld bei der FAZ. NIUS will Günther nun verklagen. Eine rechtliche Einordnung zu den Erfolgschancen und möglichen Auswirkungen gibt es von Chan-jo Jun.
Trotz dieses turbulenten Starts wünschen wir Ihnen für 2026 alles Gute und freuen uns darauf, Sie auch im neuen Jahr mit Einordnungen und Analysen zu Desinformation, Diskursmanipulation und ausländischer Einflussnahme zu versorgen.
Mit den besten Grüßen
Hannah Schimmele
Dieser Text ist zuerst im wöchentlichen Desinfo-Briefing als Editorial erschienen. Wenn Sie das Briefing mit den neuesten Hintergründen und Analysen rund ums Thema Desinformation erhalten wollen, abonnieren Sie sich gerne hier an.
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